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Hallo,

die
Bürokraten haben zwar versucht die Motorleistung eines
Autos in kW (Kilowatt) zu definieren, aber der Mensch spielt
nicht so richtig mit. Denn wir alle hatten für die Beurteilung
der Motorleistung schon einen Anker in "PS" gesetzt.
Sind 70 kW für einen Kleinwagen ausreichend? Mit der
Information "95 PS" wissen wir es.
ANKER
DIE MACHT DES ERSTEN EINDRUCKS.
Und genauso wie der Anker für Motorleistung PS heißt,
können wir Deutsche den Wert von Waren immer noch am
besten in DM bemessen. Offensichtlich tun wir uns schwer umzulernen.
Neu-lernen dagegen scheint uns leichter zu fallen. Eine neue
Messeinheit, die der eine oder andere Leser schon kennt, betrifft
die Lichtstärke von Daten- und Video-Projektoren, sogenannten
Beamern. Hier lernen wir, dass 2200 ANSI-Lumen ausreichen
um bei Tageslicht zu präsentieren. Sollte Brüssel
in, sagen wir 5 Jahren auf die Idee kommen, auf eine europäische
Messeinheit umzustellen, es gäbe die beschriebene Desorientierung.
Offensichtlich hat die zuerst kommende Information bessere
Chancen gelernt zu werden. Wie kommt das? Möglicherweise
deshalb, weil der erste Eindruck dem Menschen Überlebens-Vorteile
verschafft.
Was
schlängelt sich da am Boden?
Wenn
sich auf dem Waldboden eine Giftschlange schlängelt,
ist es von Vorteil dieses Etwas schnell als Gefahr zu erkennen.
Die Schnelligkeit mit der man etwas Neues wirksam lernt, ist
also eine Fähigkeit, die sich im Zuge der Evolution durchgesetzt
hat. Und das Schnelle muss gründlich gelernt werden;
im Falle der Schlange ihre Giftigkeit. Ein anderes Beispiel
für den Vorteil des schnellen Lernens ist die besondere
Fähigkeit des Menschen einen neuen, noch unbekannten
anderen Menschen anhand seines Gesichtsausdrucks zu beurteilen.
Es war vor Jahrtausenden sehr wichtig, schnell zu erkennen,
ob der Gegenüber ein Feind oder Freund war. Und wenn
diese erste Erkenntnis richtig war, dann war das logischerweise
für das Überleben vorteilhaft. Im Laufe der Evolution
haben also zunehmend die überlebt, die früh und
richtig wahrgenommen, also gelernt hatten. Die erste Erkenntnis
über etwas bestimmtes Neues hat als eine besonders große
Bedeutung. Damit der Überlebensvorteil dieses frühen
und richtigen Lernen auf Dauer bleibt, sollte man logischerweise
nicht umlernen. Und deshalb tun sich kW, EURO etc. so schwer.
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Wie
die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 26. Okt. 2003
berichtet, haben Rechtspsychologen der Uni Würzburg einen
Einfluss auf Strafurteile ausgemacht, der die These unseres
heutigen Themas untermauert. Sie untersuchten experimentell
das Urteilsverhalten von amtierenden Richtern und stellten
fest, dass die im Strafprozess verhängte Haftdauer auch
stark davon abhängt, welches Strafmaß im Prozess
als erstes gefordert wurde. In Deutschland plädiert der
Staatsanwalt als erster, danach der Verteidiger, der naturgemäß
ein geringeres Strafmaß beantragt. Das vom Staatsanwalt
beantragte Strafmaß wirkt beim Richter als Anker; seine
Höhe beeinflusst das Urteil stärker als das des
Verteidigers. Plakativ dargestellt: Beantragt der zuerst sprechende
Staatsanwalt 7 Jahre Haft und der Verteidiger danach 2 Jahre,
dann neigt der Richter zu einem Urteil von 5 Jahren und nicht
zu einem von rechnerisch 4,5 Jahren Haft. (Literaturhinweis
zu dem hier, aus Platzgründen stark vereinfacht wiedergegebenen
Untersuchungsverfahren siehe unten*)
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Was
hat Werbung und Markentechnik damit zu tun?
Nehmen
wir an, ein nicht sehr bekanntes Technologieunternehmen sucht
einen neuen Ingenieur. Ein junger frischgebackener Dipl. Ing.
liest die Stellenanzeige und klickt neugierig als erstes auf
die Web Site dieses möglichen Arbeitgebers. Er erlebt
eine hakelige, etwas unübersichtliche Web Site mit wenig
prägnanten Aussagen und den üblichen Phrasen "modern,
innovativ, serviceorientiert" etc. Dieser erste Eindruck
setzt bei unserem Interessenten den Anker. Schade, denn die
Firmenbroschüre die der Bewerber eine Woche später
im Briefkasten fand, präsentierte ein frisches und sehr
attraktives Unternehmen. Und so wie dieser hoffnungsvolle
Bewerber sich nicht gegen den hartnäckigen Eindruck des
Ankers wehren kann, so kann es auch potentiellen Kunden gehen.
Oder technisch gesprochen: Der nachfolgende gute Eindruck
kann den ersten schlechten Eindruck nur weniger als zur Hälfte
wettmachen. Übrigens: Anker sollten sich mit allem was
danach kommt selbstähnlich reproduzieren; sollten also
bestätigt werden, statt sich zu widersprechen. Regel
Nr. 1 der Markentechnik!

Thema der nächsten Ausgabe von eFRIEND:
Warum ist Kreativität bei der Kommunikation von Unternehmen
in B2B-Märkten so wichtig.
*B.
Englich/Th. Mussweiler, "Sentencing Under Uncertainty:
Anchoring Effects in the Courtroom", Journal of Applied
Social Psychology 31 (2001).
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